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Er knutscht mit Lenie Visserman!

Johan Sanders, geboren am 6. August 1931 in Enschede

Enschede, Van Galenstraat 5 (Provinz Overijssel)

Johan Sanders wuchs in einer orthodoxen Familie auf, in der die jüdischen Gesetze eingehalten wurden. Er hat zwei Schwestern, Lenie und Tilde. Sein Vater Gerard, war Chefsekretär eines großen Textilunternehmens.

Am Sabbat gingen wir in die Synagoge, es kamen Verwandte zu Besuch oder wir besuchten sie. Wir gingen zu Fuß, denn Rad- oder Autofahren war am Sabbat verboten.

Als der Krieg ausbrach, wurde Gerard Sanders Sekretär des Jüdischen Rates in Enschede. Der Vorsitzende des Joodsche Raad Enschede, Sig Menko, fand, er müsse den Juden in Enschede raten unterzutauchen, was völlig im Gegensatz zu den offiziellen Richtlinien des Joodsche Raad Amsterdam stand.

Irgendwann stand Sig Menko auf und sagte: ‘Meine Herren, wir können unseren Leuten nur einen Rat geben: untertauchen.’ In dem Moment haben die Herren Cohen und Asscher die Sitzung unterbrochen, mit der Bemerkung: „Das Wort ‚untertauchen’ kommt in unserem Vokabular nicht vor.

Gerard Sanders wusste gut über die Entwicklungen in Deutschland Bescheid, unter anderem weil er die Geschichten der vielen deutschen Juden hörte, die über die Grenze flüchteten. Er war davon überzeugt, dass sie flüchten mussten, um zu überleben.

Veenendaal, Benedeneind 27 (heute Valleistraat 57) (Provinz Utrecht)

Am Freitag, den 9. April 1943, beschloss Familie Sanders unterzutauchen. Eine wichtige Rolle bei der Organisation davon spielte Pfarrer Leendert Overduin, der auch im weiteren Verlauf des Krieges vielen Menschen half, die untertauchen mussten. Johann und seine zwei Schwestern wurden in Veenendaal untergebracht. Johan bei Familie van Engelenburg.

Das Haus lag an De Grift, einem Kanal der Stichts Veenendaal von Gelders Veenendaal voneinander trennte. Im Wasser lagen verschiedene Boote, in denen man herrlich schaukeln konnte. Gleich am ersten Tag hat’s mich da rausgehauen, Kopf über in die Entengrütze. Und dann musste ich so nach Hause gehen. Das einzige, was ich zu meiner Unterschlupfmutter sagen konnte, war: ‘Ich bin buchstäblich untergetaucht’. Sie fing an zu lachen und sagte: ‘Wärst du mal besser nicht ins Boot geklettert, hättest besser nicht darin geschaukelt.’ Sie behandelte mich wie ihr eigenes Kind.

Johan Sanders musste sich von nun Johan van de Berg nennen, aus Rotterdam. Man erzählte die Geschichte, seine Mutter sei beim Bombardement von Rotterdam umgekommen und sein Vater könne nicht mehr für ihn sorgen. An der Schule und auf der Straße begegnete er seinen Schwestern regelmäßig und versuchte, auf unauffällige Weise Kontakt mit ihnen zu halten. Offiziell kannte er sie nicht und durfte nicht mit ihnen sprechen.

Veenendaal, Buurtsteeg (Provinz Utrecht)

Im August 1944 behauptete ein böser Bauer, Johan sei mit seinen Freunden über sein Grundstück gelaufen und habe die Hühner entkommen lassen. Um keinerlei Risiko einzugehen, wurde Johan noch am selben Abend zu einer anderen Adresse in Veenendaal gebracht. Dort durfte er sich nur im Haus aufhalten.

Ich musste drinnen bleiben, verbrachte ganze Tage mit Lesen. Aber sie konnten nicht allzu viele Jungenbücher aus der Bibliothek ausleihen, weil das aufgefallen wäre.

Wageningen, Geertjesweg (Provinz Gelderland)

In Wageningen kam Johan in eine Pension, in der bereits mehrere Juden untergetaucht waren. Als sich am 17. September 1944 die Luftlandung bei Arnheim ereignete, mussten sie aus Wageningen evakuiert werden.

Dann gab es am 17. September 1944 die Luftlandung bei Arnheim (Operation Market Garden, ein Großangriff der Alliierten). Vom Wageninger Berg aus sahen wir, wie auf der anderen Seite des Rheins Soldaten, Kriegsmaterial, Fahrräder und Munition aus der Luft fielen. ‘Noch kurz durchbeißen, und der Krieg ist vorbei,’ dachten wir.

Daraufhin kam er in eine Pfarrersfamilie in Bennekom.

Bennekom, Nassaulaan 10 / De Kraats / Renswoude (Gelderland)

Auf Grund der Kämpfe musste Pfarrer Boer mit seiner Familie noch mehrere Male umziehen. Johan fühlte sich dabei nicht wohl. Er verstand sich nicht besonders gut mit Johan, dem Pfarrerssohn. Außerdem war der Pfarrer gegenüber den Kirchenältesten nicht gerade diskret. Dadurch fühlte Johan sich dort nicht sicher. Als der Krieg vorbei war, holte Gert van Engelenburg Johan mit dem Fahrrad ab.

In der Nähe des Hauses tippte er mich an und sagte: ‘Schau, da kommt deine Mutter.’ Sie war älter geworden, ich war älter geworden. Man wollte sich gegenseitig in den Arm nehmen. Ich versuchte sie festzuhalten, sie versuchte mich festzuhalten, aber irgendwie stimmte etwas gefühlsmäßig nicht - dieses überschwängliche Gefühl, auf das ich gehofft hatte, fehlte schon gar.

Johans Vater überlebte den Krieg nicht. Er wurde auf dem Weg zu der Adresse, wo er untertauchen sollte, vom Sicherheitsdienst, SD, verhaftet. Wahrscheinlich hatte man ihn verraten. Als Sterbedatum wurde der 28. Februar 1945 festgelegt. Zum letzten Mal gesehen wurde er im Lager Groß Rosen. Seine Schwestern überlebten den Krieg.