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Die Sterne sind verschwunden

Rita Degen, geboren am 25. Dezember 1936 in Amsterdam

Amsterdam, #30 Jekerstraat

Familie Degen bestand aus Vater, Mutter und Tochter Rita. Ritas Mutter, Bertha, arbeitete als Buchhalterin und ihr Vater, Frits, als Vertreter bei einem Schreibwarengeschäft. Im Sommer 1942 arbeitete Frits Degen kurze Zeit für den jüdischen Rat, Joodsche Raad. Er musste als Ordnungshüter bei einem der ersten Transporte von der Hollandse Schouwburg Wache halten. Was er dort sah, fand er furchtbar, und er war davon überzeugt, dass Deportation den Tod bedeuten würde.

Mein Vater hatte für alle Adressen organisiert, um untertauchen zu können. Nicht nur für sich, sondern auch für seine Eltern und für alle Geschwister meiner Mutter. Aber sie machten keinen Gebrauch davon. ‘So schlimm ist es doch nicht,’ sagten sie

Familie Degen beschloss im August 1942 unterzutauchen.

Amsterdam, #2 Galileiplantsoen

Rita wurde bei Frits Degens Arbeitgeber untergebracht. Er war selbst auch Jude, war aber mit einer nichtjüdischen Frau verheiratet (Juden in Mischehen wurden ursprünglich nicht deportiert, sie mussten sich jedoch an die strengen anti-jüdischen Maßnahmen halten.) Frits Degen war bei seiner eigenen Frau untergetaucht. Rita hatte es dort nicht leicht. Sie durfte nicht zur Schule gehen und musste sich auf dem Spielplatz verstecken, wenn Besuch kam, dem die Familie nicht vertraute. Vor allem, wenn ‘Tante Loes’ zu Besuch kam, war man vorsichtig. Sie war mit einem NSB -er - also einem Mitglied der nationalsozialistischen Bewegung - verheiratet. Irgendwann begegnete Rita ‘Tante Loes’ doch auf der Treppe.

Die Tür war zu. Ich klingelte und die Tür wurde von oben aus mit einem Seil aufgezogen. Auf halber Treppe standen mein Onkel und Tante Loes. Sie schaute mich an und sagte: ‘So, und wer bist du?’ Dass das nicht gut gehen würde, war mir sofort klar.

Der Unterschlupf war nicht länger sicher. Nach fast einem Jahr dort, musste Rita weg.

Hengelo

Danach kam Rita zu einer jungen Familie in Hengelo, zu Familie Fonds. Sie hatten einen Sohn, den einjährigen Wim. Rita fühlte sich bei ‘Onkel Kees’ und ‘Tante Marie’ sehr wohl. Sie wurde liebevoll aufgenommen.

Dennoch war immer das Bewusstsein da, dass mit mir irgendwas nicht ganz stimmte. Ich ging zum Beispiel nicht zur Schule, sondern bekam Privatstunden. Das erklärte man allerdings so, dass ich noch nie etwas gelernt hatte und darum erst Nachhilfe bekommen musste.

Da dort Rüstungsindustrie ansässig war, wurde Hengelo ab 1943 von den Engländern stark bombardiert.

Anfang ‘44 wurde die ganze Familie evakuiert, wir wurden an den Kwakersplein in Amsterdam gebracht. Gerade rechtzeitig, eine Woche danach fiel eine Brandbombe auf das Haus in Hengelo.

Amsterdam, Kwakersplein

In Amsterdam konnte Rita zur Schule gehen. Sie nannte sich in der Zeit Rietje Fonds.
Während des Hungerwinters verbrachte sie den ganzen Tag auf der Straße auf der Suche nach etwas Essbarem.

Beim Kwakersplein um die Ecke gab es ein Nahrungsmitteldepot mit einer kleinen Kaserne der Wehrmacht. Da hielt ich mich oft eine Weile auf, bis ein Soldat auf mich zukam und mir eine Möhre oder ein Stück Brot gab.

Rita blieb dort bis zum Ende des Krieges. Sie fühlte sich mittlerweile mit ihren Untertaucheltern und dem kleinen Bruder so verbunden, dass sie eigentlich nicht mehr weg wollte. Nach der Befreiung kamen ihre Eltern sie wieder abholen. Sie konnten nicht in ihr eigenes Haus in der Jekerstraat zurückkehren und wurden Untermieter der Familie Amsterdam im Amsterdamer Stadtviertel Betondorp. Der Vater der Familie Amsterdam war in der Widerstandsbewegung sehr aktiv gewesen. Er war regelmäßig von Amsterdam nach Zeist geradelt, um Geld zu der Adresse zu bringen, wo Ritas Eltern untergetaucht waren. Er hatte auch für Ritas Unterschlupf gesorgt.

Von Onkel Kees und Tante Marie hörte ich nichts mehr. Es gab kein Telefon und es war zu weit, um vom Middenweg zum Kwakersplein zu laufen. Ich war sehr unglücklich. Ich hatte mir vorgenommen, für Tante Marie zu sorgen, bis das Baby geboren würde. Und was war daraus jetzt geworden?