Open main menu menu-toggle

Ich werde sie morgen früh abholen

Bloeme Emden, geboren am 5. Juli 1926 in Amsterdam

Amsterdam, Lutmastraat 104

Bloeme kam aus einer sozialistischen Familie mit zwei Kindern. Ihre Eltern glaubten an eine menschenwürdige Existenz für alle. Ihr Vater Emanuel, war Diamantschleifer. Ihre Mutter hieß Roza Emden –de Vries. Bloeme hatte eine Schwester, Via Roosje. Zu Beginn des Krieges hoffte Bloeme einen Weg zu finden, mit den antijüdischen Maßnahmen fertig zu werden.

Wir dürfen nicht mehr auf der Straße spazieren gehen? Na, dann eben nicht. Dann gehen wir eben nicht mehr ins Theater. Oder in den Lesesaal. Auch nicht zum Einkaufen. Für mich waren all diese Maßnahmen Schikanen, mit denen es sich aber leben ließ. So musste man reagieren. Wer sich dem Pessimismus hingab, ging daran zugrunde.

Die Angst überkam sie, als 1942 die Deportationen begannen, als Familien auseinandergerissen wurden. Auch Bloeme, die gerade sechzehn geworden war, wurde aufgerufen sich zur Deportation zu melden. Es gelang Bloemes Vater, der selbst eine Sperre, – d.h. einen Stempel in seinem Ausweis, der ihn für den Transport sperrte – hatte, eine solche Sperre auch für sie zu erwirken. Dennoch wurde sie im Mai 1943 zur Deportation aufgerufen. Ihre Sperre war geplatzt, man hatte sie für ungültig erklärt. Bloeme dachte in dem Moment nicht daran, unterzutauchen. Man hatte ihr gesagt, dass man ihre Eltern und ihre Schwester mitnehmen würde, falls sie selbst nicht zur Deportation erschien.

Beim Abschied waren meine Eltern ratlos. Vom Fenster winkte meine Schwester Via mir weinend hinterher. Mit einer Schultertasche und einem Rucksack bepackt folgte ich den Männern auf dem Weg zur Polizeiwache in der Pieter Aertszstraat, wo sich noch mehr Juden, die man verhaftet hatte, befanden.

Bloeme wurde zur Hollandsche Schouwburg, der holländischen Schaubühne gebracht, von wo aus Juden deportiert wurden. Es gelang ihr, unregistriert hineinzukommen, denn sie wollte versuchen von dort zu entkommen. Da man sie nicht registriert hatte, würde man sie auch nicht vermissen. Sie bat einen Bekannten, der Mitglied des Judenrats war und in der Schouwburg als Aufsicht anwesend war, um Hilfe.

Nach ein paar Tagen kam dieser Bekannte zu mir und sagte: „Morgen gehst du. Um vier Uhr mittags ertönt ein Gong. Dann müssen alle Kinder unter vierzehn sich im Foyer versammeln. Sie schlafen nicht in der Schouwburg, sondern in der Kinderkrippe gegenüber. Du gehst einfach mit, als wärst du eine ihrer Betreuerinnen. Du schläfst eine Nacht in der Kinderkrippe und am nächsten Tag bist du weg.

Amsterdam, Orteliusstraat

Der Plan funktionierte und Bloeme stand am nächsten Tag schon früh auf der Straße. Sie ging zu einer Adresse in der Orteliusstraat. Die Hausnummer hatten ihre Eltern als Randnotiz in einen Brief geschrieben, den sie ihr in die Schouwburg geschickt hatten. Bloeme konnte dort untertauchen bei Floor und Truus, die viele illegale Dinge machten. Bloemes Eltern erstanden von ihrem letzten Geld einen gefälschten Personalausweis für Bloeme.

Wegen ihrer vielen illegalen Aktivitäten fanden Truus und Floor es zu gefährlich, mich länger in der Orteliusstraat zu behalten. ‘Wenn wir erwischt werden, bist du auch dran,’ sagten sie. Sie suchten ein neues Versteck für mich.

Amsterdam, Rijnstaat

Bloeme tauchte regelmäßig vorübergehend bei ihrem Freund Freddy unter, der mit seinen Eltern in der Rijnstraat wohnte. Hier nahm man sie mehrmals auf, wenn es gerade keine Versteckadresse für sie gab. Freddys Vater war Diamantspalter, der mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet war. Juden in Mischehen wurden ursprünglich nicht deportiert, sie mussten sich jedoch an die strengen anti-jüdischen Maßnahmen halten.

Eines morgens, als ich gerade mal wieder bei ihnen war, wurde ich von ungewöhnlichen Geräuschen wach. Es erschien mir nicht ratsam nachzuschauen, was los war. Freddys Vater war Diamantspalter und die Deutschen verdächtigten ihn, noch Diamanten im Haus zu haben, die er schon längst hätte abliefern müssen. Sie durchsuchten die ganze Wohnung genauestens, vergaßen jedoch das Zimmer, in dem ich totenstill auf das Ende der Hausdurchsuchung wartete. Das war ein unglaublicher Zufall.

Amsterdam, Hobbemakade

Bloeme fand in einem leerstehenden, aber vollständig möblierten Haus an der Hobbemakade Unterschlupf.

Jemand von der Untergrundbewegung brachte mir täglich was zu essen und unterhielt sich dann auch kurz mit mir. Aber es war ein einsamer Ort. Ich fühlte mich dort verlassen und war voller Kummer.

Bloeme konnte nicht lange dort bleiben, weil das Haus ‘gepulst’ – d.h. von der Firma Puls geräumt – werden sollte.

Amsterdam, Bronckhorststraat

In der Bonkhorststraße bildeten Tine und Herman Waage-Kramer ein Zentrum der Illegalität. Dennoch herrschte dort eine gute Atmosphäre.

Vor allem Tine war lieb zu mir. Und diese Liebe brauchte ich auch dringend, denn ich litt sehr unter dem Stress. Ich wurde dick, wodurch meine Kleider immer enger wurden. Ich muss damals meine Schilddrüsenkrankheit entwickelt haben.

Amsterdam, Merwedeplein

Hals über Kopf musste das ganze Haus an der Bronckhorststraat geräumt werden, weil eine Razzia bevorstand. In der Zwischenzeit versuchte Bloeme dafür zu sorgen, dass auch ihre Schwester untertauchen konnte. Ein Mitglied der illegalen Bewegung, Steven, sollte sie holen gehen.

Am Abend des 19. Juni 1943 sollte Steven sie abholen. Er kam spät nach Hause, ohne meine Schwester. Er hatte einen schlechten Tag gehabt, war todmüde. „Morgen früh gehe ich sie abholen,“ sagte er. Am Morgen des 20. Juni 1943 fand jedoch in Amsterdam-Zuid eine Großrazzia statt, bei der alle noch verbliebenen Juden aus ihren Häusern abgeführt wurden. Meine Eltern und meine Schwester wurden direkt nach Sobibor deportiert.

Einige Wochen später wurde die Widerstandsgruppe verraten. Alle mussten schnellstens einen neuen Unterschlupf suchen. Bloeme wurde erneut vorübergehend in der Rijnstraat aufgenommen.

Amsterdam, Frederik Hendriklaan

Bloeme fand einen Job in einem Altersheim an der Frederik Hendriklaan. Dort blieb sie neun Monate lang.

Ich schlief auf dem Dachboden, in einem Zimmer mit drei anderen Mädchen. Wir hatten alle drei ein Bett und ein Nachtschränkchen. Eine meiner Zimmerkameradinnen hieß Ida und sprach mit einem weichen ‘g’ - das heißt sie, kam aus dem Süden der Niederlande. Sie sagte regelmäßig zu mir: ‘Du bist eine Jüdin. Ich werde dich anzeigen.’ Ich hatte keine Ahnung, wie ich darauf reagieren sollte.

Eines nachts holten die Deutschen verschiedene Patienten aus ihren Betten, die jüdischen, wie sich herausstellte. Bloeme war dort nicht länger sicher und musste sich einen neuen Unterschlupf suchen. Vorübergehend kam sie wieder in der Rijnstraat unter.

Rotterdam

Bloeme fand über Aad und Mary Zegers, Mitglieder der illegalen Bewegung in Rotterdam, eine Stelle als Dienstmädchen in Rotterdam. Sie bekam dort ihr eigenes Zimmer und niemand im Haus wusste, dass sie Jüdin war.

Nach zwei angenehmen Monaten sagte meine Arbeitgeberin eines Morgens: ‘Nancy, wir fahren vierzehn Tage in Urlaub. Und in der Zeit hast du auch frei.’ Ich reagierte erfreut, aber in Wirklichkeit hatte ich Angst. Wo sollte ich bloß hin?'

Rotterdam

Bloeme kam ins Haus von Aad Zegers und seiner Schwester Mary. Eines Nachts im August 1944 gab es eine Razzia und es wurden alle verhaftet.

Im Gefängnis ‘Het Haagsche Veer’, wo man uns hinbrachte, befanden sich noch 29 weitere Juden, die alle von Mary und Aad untergebracht worden waren. Wir müssen also von jemand innerhalb der Organisation verraten worden sein, der die Adressen kannte.

Aad Zegers wurde standrechtlich erschossen, seine Schwester wurde freigelassen. Bloeme wurde deportiert und kam über Westerbork erst nach Auschwitz und danach ins Arbeitslager Liebau. Sie überlebte den Krieg.

Während ich die Eingangstreppe zur Wohnung von Freddys Familie emporstieg, fragte ich mich, was ich wohl zu erwarten hatte. Freddy, mein Freund, machte die Tür auf. Ich war mager und kahlgeschoren. Erst als ich etwas sagte, erkannte er mich. Denn alles kann sich verändern, aber die Stimme bleibt dieselbe. Er umarmte mich und rief seine Eltern: ‘Kommt her und schaut, wer da ist!’ Sie empfingen mich herzlich, sehr herzlich.